Der Sinn des Lebens:
Seit etwa 30 Jahren habe ich über keine andere Frage so oft und lange nachgedacht, wie über die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Gedankengang ist sicher noch nicht an seinem Ende angekommen, aber hier möchte ich den momentanen Stand gerne kund tun, als Anregung für andere Suchende und als Diskussionsgrundlage für einen fruchtbaren Gedankenaustausch.
Typischerweise ist die Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens elementare Aufgabe von Religionen. Und so wollte ich als Jugendlicher auch evangelische Theologie studieren. Die Sache an sich hat mich interessiert, Pastor werden wollte ich aber nicht. Der Unendlichkeit konnte ich mich aber auch von der anderen Seite nähern und so habe ich in Hamburg Physik studiert.
Wenn man die unterschiedlichen Religionen vergleicht, bekommt man im Grunde auf diese Frage immer die gleichen Antworten: das Leben ist ein permanentes Assessment-Center für ein irgendwie erstrebenswertes Jenseits, das je nach Religion anders heißt und andere Qualitäten hat: Paradies, Nirwana, ewige Jagdgründe, Walhalla, Stovokor o. ä..
Je länger ich über die diversen Religionen, ihre Gemeinsamkeiten und ihre Unterschiede nachgedacht habe, desto mehr bin ich zu dem Schluss gekommen, das sie keine für mich brauchbare Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geben können. Ich hätte mir höchstens eine eigene schnitzen müssen, um mit irgendeiner Form von Religion leben zu können.
Was ist denn in der Natur der Sinn des Lebens: Bernhard Grzimek und Heinz Sielmann sei Dank, war diese Antwort schnell gefunden: Erhaltung der eigenen Art, Verbreitung der eigenen Gene, um nichts anderes dreht es sich in der Natur. Es mag vielleicht auch einmal Tierarten gegeben haben, für die etwas anderes Priorität Nummer eins war, aber diese Lebensformen sind schon vor Jahrmillionen hinaus evolutioniert worden. Es sind nur die Lebewesen mit dem stärksten Selbsterhaltungstrieb übrig geblieben (na ja, genauer: „survival of the fittest“), und manchmal – siehe Dinosaurier – nicht einmal diese. Wenn man annimmt, das dieser für alle Lebewesen geltende Sinn des Lebens auch für das Lebewesen Mensch gilt, so ergibt sich bei 6,6 Milliarden von uns auf den ersten Blick wirklich kein Handlungsbedarf mehr.
Wenn Erhaltung der eigenen Art der Sinn des Lebens ist, wäre eine typische Lebensaufgabe etwa der Kampf gegen Umwelt- und kosmische Katastrophen, die die Menschheit auslöschen könnten, so etwa das Anlegen einer Backup-Kopie des menschlichen Gen-Pools auf Mond und Mars oder besser gleich Arche 2 und Arche 3 auf Mond und Mars. Damit ließe sich sicherstellen, dass es uns nicht so ergeht, wie den Dinosauriern. Langfristig sollte unser Gen-Pool noch auf weitere Planeten verbreitet werden – nicht nur in unserem eigenen Sonnensystem / Galaxie / Universum. Nur würden wir damit zu der Sorte „Außerirdischer“ werden, vor denen wir uns jetzt fürchten. Da sich unsere Nachbargalaxie - die Andromedagalaxie - sich auf unsere Galaxie zubewegt und in etwa zwei Milliarden Jahren mit ihr kollidieren wird, sollten wir uns bis dahin besser in eine unbeteiligte dritte Galaxie verkrümeln, denn weil auch Galaxien überwiegend leer sind, wird es kaum zu echten Kollisionen kommen, aber die dabei wirkenden Gravitationskräfte werden einiges an Unheil anrichten, und wenn man bedenkt, das selbst geringe Änderungen der Erdumlaufbahn schon zu den letzten 18 Eiszeiten geführt haben, dann sollten wir bis dahin hier lieber verschwunden sein.
Die Sache könnte aber einen noch größeren Haken haben: 2004 formulierte Steven Hawkings die These, das Universen mit schwarzen Löchern langfristig nicht stabil sind, sondern irgendwann verschwinden. Falls er Recht hat, ändert sich der Sinn des Lebens damit ziemlich: die Verbreitung unserer Gene in diesem Universum macht nicht wirklich Sinn, wenn es irgendwann verschwindet. Einzig sinnvoll wäre es dann, einen Weg in ein Paralleluniversum ohne schwarze Löcher zu suchen. Erschwerend kommt dann aber noch hinzu, dass die Lebenserwartung der Menschheit nach der „Gottesformel“ (benannt nach dem amerikanischen Wissenschaftler John Richard Gott III ) bei vermutlich 7,8 Millionen Jahren liegen wird, uns also nur endlich viel – eher zu wenig – Zeit zur Umsetzung dieser Pläne bleiben wird. Und nach Ray Kurzweils Buch "The Singularity is Near" wird schon 2030 der Mensch als intelligenteste Lebensform auf diesem Planeten abgelöst werden.
Egoistisch gesehen, könnte man auch das eigene Wohl als Sinn des Lebens über Alles stellen. Wenn man länger darüber nachdenkt, kommt man jedoch irgendwann an die (bio-) logische Grenze, die eigene Sterblichkeit, und merkt, dass Luxus und Wohlstand nicht das wahre Ziel sein können, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendwann sein restliches Leben lang mausetot ist, bei genau 100 % liegt. Bislang – aber immer noch unbewiesen – könnte hier nur die Kryonik Abhilfe versprechen: nach seinem Tode das Tiefgefrieren des ganzen Menschen, oder auch nur des Datenträgers der Seele (Kopf), bis irgendwann die Medizin so weit ist, den Menschen oder seinen Kopf wiederzubeleben, seine Krankheiten zu heilen und ihm ewige Jugend zu bieten. Dies könnte irgendwann möglich werden. Zumindest ein Ausdehnen der Lebenserwartung auf 150 Jahre scheint in 10 Jahren möglich zu sein, auf 1000 Jahre möglicherweise in grob geschätzt 25 Jahren, meint zumindest der Bio-Gerontologe Aubrey de Grey. Eine mögliche Alternative zum „ewig Leben“ scheint sich mit dem „Uploading“ anzubahnen, dem Übertragen des eigenen Bewusstseins auf Computer(-simulationen).
Für das noch egoistischere „kleine Glück“ gibt es Dopamin. Dieses Hormon verursacht ein „Glücksgefühl“. Am Ende eines feuchtfröhlichen Abends hat sich die Konzentration von Dopamin im Kreislauf verdoppelt, man fühlt sich entsprechend „glücklich beschwingt“. Wenn man „frisch und unsterblich“ verliebt ist, ist eine Vervierfachung der Dopaminkonzentration im Blut nachweisbar. Nahezu alle Drogen erhöhen den Dopaminspiegel, z. T. gering – wie etwa bei Nikotin (50 %) – z. T. beträchtlich. Auch nicht-Chemie-gebundene Süchte erhöhen den Dopaminspiegel, wie etwa Spielsucht, Geschwindigkeitsrausch u. ä.. Bei Alkoholikern (mit entsprechendem Gendefekt) etwa führt eine Flasche GabiKo (ganz billiger Korn) zur Verzwanzigfachung der Dopaminkonzentration im Blut. Diesen idealen Zustand versuchen sie natürlich um jeden Preis beizubehalten. Dies ist für sie der ganze Sinn des (restlichen aber kurzen) Lebens. Somit ergibt sich die Frage: soll man dauerhaft auf normalem, niedrigen Dopaminspiegel bleiben, leicht erhöhtem (Raucher), sich dauerhaft unsterblich verlieben (vierfacher Spiegel) oder vielleicht lieber gleich selber Dopamin in der Garage brennen und regelmäßig inhalieren, um den Dopaminspiegel konstant hoch (Level 20?) zu halten?
Auf Vox lief irgendwann die BBC-Dokumentation „Zeitreisen“, an deren Ende der schwedische Philosoph Nick Bostrom die Frage stellte: wozu Zeitreisen, unsere Computersimulationen sind bereits sehr gut und sie werden mit exponentiell in der Leistungsfähigkeit steigenden Computern immer besser, irgendwann kann man jeden Zeitabschnitt der Vergangenheit simulieren und so Zeitreisen überflüssig machen. Es werden immer mehr Simulationen auf Computern gleichzeitig laufen, so dass sich die berechtigte Frage stellt, ob wir überhaupt real sind oder nicht nur Teil irgendeiner gerade laufenden Simulation. In Zahlen eine (1!) reale Welt lässt beliebig viele Simulationen laufen, statistisch sind wir also eher Teil einer Simulation als real.
Damit ändert sich der Sinn des Lebens natürlich wieder völlig: wir müssen die Simulation so interessant gestalten, dass die Betreiber der Simulation (die „Big SysAdmins“) sie nicht gelangweilt abschalten. Insgeheim könnte man auch das Ziel verfolgen, diese Simulation zu verlassen um zumindest in die nächst höhere Simulation zu wechseln, letztendlich mit dem Ziel, in die einzige echte Realität vorzustoßen, so wie es etwa in den Filmen „Welt am Draht“ oder „The 13th Floor“ geschildert wird.
Die Filmtrilogie „Die Matrix“ zielt in eine ähnliche Richtung, hierzu gibt es einen interessanten Beitrag von Nick Bostrom, mit dem ich mich gerade beschäftige: „Warum eine Matrix bauen?“.
Dies ist der momentane Stand meiner Denkarbeit:
Man kann sich irgendeine Religion von der Stange greifen und sich an das halten, was sie als „Sinn des Lebens“ vorgibt, um in irgendeine Form von „Nirvana“ zu gelangen.
Man kann „Erhaltung der eigenen Art“ als Sinn des Lebens begreifen und die Menschheit in diesem Universum, besser in einem Paralleluniversum ohne schwarze Löcher verbreiten.
Egoistische Ziele: ewig leben, über Kryonik und / oder Uploading bei mindestens vervierfachtem Dopaminspiegel.
Man begreift sich als Teil einer größer angelegten Simulation, muss nur die Betreiber der Simulation bei Laune halten und kann heimlich versuchen, aus dieser Simulation heraus zu kommen.
Zum Gedankenaustausch Antworten bitte an: Heinz @ Riebesehl.net (ohne Leerzeichen!)
Gedankensplitter:
It could be that the purpose of your life is only to serve as a warning to others.
http://www.despair.com/mis24x30prin.html